WARUM WIR NICHT MEHR GLAUBEN

Die sanfte Verführung durch Zeitgeist und Esoterik

 

von Gerhard Padderatz

 

 

Gläubige und nichtgläubige Menschen stehen sich häufig verständnislos gegenüber. Die einen können nicht nachvollziehen, warum jemand glaubt, die anderen, warum jemand nicht glaubt. Meist hängt Gläubigkeit davon ab, in welchen Kulturkreis und in welche Familie jemand hineingeboren wurde. Bisweilen sind es auch sehr persönliche Gründe, Schicksalsschläge und Begegnungen, die den einen zum Gläubigen, den anderen zum Ungläubigen machen. Und oft können weder die einen noch die anderen ihre Überzeugung klar begründen.

 


Neueren Umfragen zufolge glauben in den USA, ein Land, das uns in mancher Hinsicht stark beeinflusst, 93 % aller Einwohner an Gott, 40 % gehen regelmäßig in die Kirche. Auch Naturwissenschaftler gehören dazu. Genau das widerspricht der in Europa häufig vertretenen Meinung, Naturwissenschaft – oder höhere Bildung generell – und Glaube schlössen einander aus.

 


Betrachtet man die Sache globaler, fällt auf, dass der Glaube an Gott insgesamt abnimmt – und zwar mit zunehmender Geschwindigkeit. Allein zwischen 2005 und 2012 stieg die Zahl der Ungläubigen weltweit um neun Prozentpunkte. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup International.
Die in Mittel- und Westeuropa erhobenen Daten entsprechen diesem Trend. In Westdeutschland glauben nur 32 % aller Menschen an einen „persönlichen Gott“ und nicht nur an ein höheres Wesen, eine höhere Macht oder Kraft. In den Neuen Bundesländern sind sogar nur 8,2 % gläubig und junge Leute weniger als ältere. In Österreich bekennen sich 53 % und in der Schweiz 42 % zu Gott. Paradox ist angesichts dieser Zahlen, dass Europa heutzutage immer noch als christliches Abendland bezeichnet wird. Die Zeit ist längst vorbei, in der praktisch alle Menschen in diesem Kulturkreis an Gott, Jesus Christus und die Bibel glaubten.

 


Besucht man in Deutschland alte Friedhöfe, entdeckt man die kontinuierliche Abnahme des Glaubens sozusagen in Stein gemeißelt. Den Personen, die im 19. Jahrhundert starben, gab man wie selbstverständlich biblische Texte und Sprüche mit auf den Weg, d. h. auf die Grabsteine – Texte, die von der Existenz Gottes, der Wiederkunft Christi und einer Auferstehung ausgehen, etwa: „Wachet! Denn ihr wisset nicht, welche Stunde der Herr kommen wird“ oder „Wiedersehen unsere Hoffnung!“

 

 

 

Grabsteine aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts enthalten deutlich seltener und wenn, dann knappere Hinweise auf Gott, wie: „Hier ruht in Gott“ oder „Aus Gottes Hand – in Gottes Hand“ oder „Befiehl dem Herrn deine Wege“. In der zweiten Hälfte des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint sich eine eher nüchterne Form eingebürgert zu haben, die Gott ganz ausklammert. Lediglich Name sowie Geburts- und Sterbedaten des Verstorbenen werden angegeben. So veranschaulichen Friedhöfe als letzte Ruhestätte der Menschen auf ihre Weise, dass die meisten nicht mehr an Gott und damit auch nicht an eine Auferstehung glauben, obwohl diese auch heute noch in den Glaubensbekenntnissen der beiden großen Kirchen zum Ausdruck kommt.

 


Warum sind der Glaube an Gott und der Glaube an biblisch-christliche Inhalte heute weitgehend verschwunden?

 


Im Verhältnis zu vorherigen Jahrhunderten ist unsere Zeit gekennzeichnet durch starken Realitätssinn und große Nüchternheit. In mancher Hinsicht ist das gut. Eine schwarze Katze, die unseren Weg kreuzt, kann uns in aller Regel keine Angst mehr machen. Für uns ist das alberner Aberglaube. Und am Freitag, dem 13., gehen wir zur Arbeit wie an jedem anderen Tag. Eigentlich wissen wir auch, dass uns das Maskottchen am Rückspiegel unseres Autos nicht wirklich vor Unfällen bewahren kann. Wir sind aufgeklärt und haben das Abergläubische hinter uns gelassen. So meinen wir zumindest.

 


Gleichzeitig aber fühlen wir uns angezogen von Zauber, Esoterik, Astrologie u. Ä. Etwa 23 % aller Deutschen – das sind immerhin rund 19 Millionen – glauben, „dass die Sterne unser Leben beeinflussen“. Bei den Frauen sind es sogar 31 %. Manche Menschen sind erst zufrieden und glücklich, wenn sie ihr tägliches Horoskop gelesen haben, Menschen, die sich Rosenquarz auf ihre Computer legen, um Strahlungen zu verringern oder das I-Ging-Orakel befragen, die sich die Karten legen und aus der Hand lesen lassen, bevor sie wichtige Projekte in Angriff nehmen. Der Markt mit esoterisch aufgeladenen Gegenständen boomt, und seit 2004 hilft sogar ein eigenes Fernsehprogramm, Astro-TV, den Alltag besser zu bewältigen. Gerhard Matzig, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, spricht von einem „Esoterik-Boom“ und berichtet, dass 15 Prozent der Deutschen Esoterik-Anhänger sind. „Die Berliner Questico AG, die auch Astro TV betreibt, ist mittlerweile eine der am schnellsten wachsenden Technologiefirmen Deutschlands.“

 


Offenbar wollen wir an etwas glauben, das uns dabei helfen soll, das Dunkle und Bedrohliche, das Rätselhafte und Unberechenbare in unserem Leben besser in den Griff zu bekommen. Wir glauben sogar an Wunder; das tut nämlich die Hälfte aller Deutschen. Dennoch haben viele Probleme mit dem Übernatürlichen in der Bibel. Alles, was mit dem Eingreifen Gottes in unsere Welt und dem Glauben an eine in der Bibel beschriebene jenseitige Welt zu tun hat, z. B. Auferstehung und ewiges Leben, wird abgelehnt.

 


Ist das eine Folge wissenschaftlicher Aufklärung? Hat Wissen den Glauben ersetzt? Ist der christliche Glaube nur ein rückständiger Aberglaube, der durch Zunahme von Bildung und Information überwunden wurde? Oder gibt es noch andere Gründe für den dramatischen Glaubensverlust in unseren Breitengraden? Die grundsätzliche Bereitschaft, an Wunder zu glauben, scheint ja vorhanden zu sein. Ist die Botschaft des Christentums nicht mehr relevant für unsere Zeit?

 


Oder liegt es an der Art und Weise, wie sich die Träger des Christentums – Organisationen und Einzelpersonen – in der Geschichte präsentiert haben und heute noch präsentieren? Wie sie die christlichen Inhalte vermitteln? Sind die Kirchen – zumindest die beiden großen Volkskirchen – Schuld an der Misere? Ihre Mitglieder treten scharenweise aus. Allein im Jahr 2014 kehrten insgesamt 640.000 Personen in Deutschland ihren Volkskirchen den Rücken – es waren so viele wie noch nie zuvor.

 

 

 

In diesem Zusammenhang denkt man zuerst an die Skandale der letzten Jahre: z. B. an Kindesmissbrauch, an Prunk- und Verschwendungssucht sowie die Genehmigung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in evangelischen Pfarrhäusern. Doch das sei keine hinreichende Erklärung, meint der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster. Die Skandale seien bei vielen Kirchenmitgliedern eher letzter Anlass für einen innerlich bereits vollzogenen Schritt. Es liege vielmehr daran, dass sich „die Bindungskräfte an die großen Kirchen abgeschwächt haben.“ Für viele, so Pollack, „haben Glaube und Kirche keinen hohen Stellenwert mehr.“ Bezogen auf die Evangelische Kirche spricht Christdemokrat Wolfgang Schäuble sogar von einem „Akzeptanzdefizit“. Damit wären die Volkskirchen potentiell sowohl Mitverursacher als auch Leidtragende der Glaubenskrise.

 


Es fragt sich, ob die Esoterik vielleicht Besseres zu bieten hat. Autor Matzig ist überzeugt: „Je weniger sich die Menschen […] in den Kirchen sagen lassen, desto eher hören sie den telegenen Heilsbotschaftern im Internet und Fernsehen zu.“

 


All das sind Symptome der Krise des Christentums in unserer Zeit. Das Buch Zeitgeist und Glaube: Christentum am Ende? sucht nach Ursachen und Erklärungen dafür. Wenn sich christlicher Glaube heute nicht mehr deutlich erkennbar von Aberglauben und Bigotterie unterscheidet, hat er ein Riesenproblem. Andererseits kann ein Glaube, der sich reflektiert und vernünftig auf die Bibel stützt – sie ist schließlich das Fundament des Christentums –, ein Glaube, der nicht nur gefühlsmäßig, sondern auch verstandesmäßig geprägt ist, helfen, die Welt und den Sinn des Lebens in ihr zu verstehen.

 

 

 

Buchempfehlung: Zeitgeist und Glaube – Christentum am Ende?